Suchen


 
Neue Seite 1
Spätnachmittagsausflug vom 29. Juni 2019 Druckversion anzeigenSchrift vergrössernSchrift verkleinern
 

Besuch der Vogelpflegestation Oftringen

Susi Stocker, eine der Verantwortlichen der Pflegestation des Natur- und Vogelschutzvereines Oftringen,  empfängt uns an diesem sehr warmen Spätnachmittag.

Die Station steht unter dem Patronat von BirdLife Aargau (wie auch die anderen drei Stationen im Aargau). Zudem besteht seit September 2017 eine Partnerschaft mit der Vogelwarte Sempach, was dem Verein beispielsweise Möglichkeiten zu Weiterbildungen in Wildvogelpflege oder Rückhalt gegenüber Behörden bietet.

Die Station wurde 2012 aufgebaut. Sie wird von drei Vereinsmitgliedern geführt und dürfen auf 10 freiwillige HelferInnen zählen. Während 12h (08.00h – 20.00h) werden die Pfleglinge alle 2h gefüttert. Bei ganz jungen Nestlingen nimmt sich ihnen ein Helfer presönlich an, d.h. sie werden nach Hause genommen und jede Stunde gefüttert. 

Ansonsten nehmen besorgte Naturschützer telefonisch Kontakt mit der Station auf, melden ihren Fund und wenn der Verdacht auf einen wirklichen Notfall besteht, bringt der Finder den Patienten zur Station. Ausnahmsweise werden Patienten, welche in der Tierklinik Aarau-West eingeliefert werden dort abgeholt und bis zur Auswilderung in Obhut genommen.
 Ist der Vogel einmal in der Station, wird wie in der Humanmedizin ein «Patientenblatt» ausgefüllt. Dieses dient einerseits der internen Organisation um den Überblick über die Einlieferung bis zur Auswilderung zu behalten, andererseits um Ende Jahr mit BirdLife Aargau abrechnen zu können. Diese zahlt für jeden Pflegling CHF 1.50/Tag. So können die Futterkosten (teilweise?) gedeckt werden. Ansonsten geschieht alles in Fronarbeit. Kosten für besorgte Naturschützer, welche einen verletzten Vogel in die Klinik oder direkt zur Station bringen, entstehen keine.
Im Jahre 2018 registrierte die Station 274 Pfleglinge aus 40 verschiedenen Vogelarten. Davon überleben im Schnitt ca. 55%.

  Im «Behandlungsraum» dürfen wir einen Blick auf die aktuellen Patienten werfen: momentan werden ganz junge Nestlinge mit Flaum und fast noch blutt (Alpensegler, Sperling und …),    sowie etwas ältere bereits mit Federkleid (Amsel, Trauerschnäpper und ….) gepflegt. 

   Draussen stehen diverse Volieren für Flugtraining und für die Zeit vor der Auswilderung zur Verfügung. Neu ist die 14m lange Flugvoliere, die den Greifvögeln zum Flugtraining dient. Gerade sollte dort ein Falke zur Auswilderung ermuntert werden. Er entzieht sich dem aber erfolgreich. Ganz erstaunt ist Susi Stocker als sie den Falken nirgends findet, resp. er nicht nervös von irgendwo auffliegt. Ob der vorangehende Betreuer ihn wohl freigelassen hat und vergessen hat, dies administrativ ebenfalls zu erledigen? Sie zweifelt – schlussendlich erspäht sie das Schlitzohr zuhinterst in der Voliere in einem Möbel, wo er sich gekonnt in einer dunklen Ablagefläche versteckt hält…
Wir nehmen diskret einen Augenschein und verlassen die Voliere wieder, damit der arme Falke nicht zu gestresst ist.
Die Volieren müssen aus hygienischen Gründen gekärchert und desinfiziert werden.
Die gesetzliche Auflage verlangt, dass alle Vögel ausgewildert werden (sobald sie fressen und flugfähig sind), sind sie es nicht, müssen sie eingeschläfert werden. Die Kadaver werden z.T. in die Tierpathologie geschickt. Dort werden sie auf die Todesursache und anderem untersucht und die Station wird nachher über die Resultate informiert. Dieser Service ist gratis – er dient der Forschung und auch anderen Institutionen, welche Wildvögel halten, so können u.U. früh Krankheiten erkennt werden und diesen allenfalls vorgebeugt werden.
Wir erfahren, dass die aktuelle Hitze nicht nur uns zusetzt, sondern auch den Vögeln (und allen Lebewesen generell wohl auch). Wir können ihnen etwas helfen, indem wir ihnen überall Wasser zur Verfügung stellen.
In den Wochen, nach der Brut (ca. Mai – Juli), sind die Patienten v.a. Nestlinge oder Ästlinge, im Winter hauptsächlich Greifvögel.

Das Pflegen der Patienten ist die eine Sache, das Füttern die andere. Einige Arten lassen sich sehr gut füttern, andere Verweigern das Futter. Wenn ein Vogel zwangsernährt werden müssen, setzt man das Tier auch unter Stress. Oft ist es dann gescheiter oder natürlicher, den Vogel der Natur wieder zu übergeben und diese walten lassen (oder man lässt ihn in der Box sterben). Füttern an und für sich ist oft eine Gratwanderung zwischen (Futter)Abhängigkeit zum Menschen schaffen und der Vorbereitung auf das Leben in der Wildnis (bei Nest- und Ästlingen). Es braucht etwas Fingerspitzengefühl wie lange, wie oft man die Pfleglinge füttert.

 

Ein spannender und schöner Effekt der Pflege in der Station ist, wenn unter den Vögeln, die zusammen im selben Käfig gepflegt und anschliessend in der Voliere zur Auswilderung vorbereitet werden, auch in der Freiheit als Kameraden zusammenbleiben, zumindest bis zur Paarung.

 

 

      © 2011 created by andrea gutscher & walti-design