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Auszug aus dem Protokoll:

"Referat vom Falkner Eric Widmer
 
Geschichtliches
Greifvögel wurden schon früh zum Jagen genutzt, ihre Aufgabe war die reine Fleischbeschaffung, sie waren so zusagen die Flinte des Mittelalters. Fasane, Hasen oder Rebvögel gehörten zur begehrten Beute. Falknerei war ein angesehenes Metier, so dass sogar die Edeldamen sich dieser Tätigkeit als Freizeitvertreib widmen durften. Sie hielten vor allem Baumfalken, da sie leicht auf dem Arm zu tragen waren. Baumfalke auf Englisch heisst hobby; die ursprüngliche Freizeitbeschäftigung der Edeldamen mit ihren Baumfalken hat sich also über die Jahrhunderte zum Hobby jeglicher Art der heutigen Gesellschaft entwickelt.
Im Hochmittelalter fand die Falknerei zu ihrer Hochblüte; Friedrich II (Enkel des berühmten Friedrich I „Barbarossa“) schrieb dazu zwischen 1241 und 1248 ein Buch „De arte venandi cum avibus“ (über die Kunst mit Vögeln zu jagen).
 
Jagd mit Greifvogel Heute
Das Mittelalter mit all seinen Facetten findet heute viele Anhänger, entsprechend werden, wo immer möglich, Falkner gern zu den entsprechenden Anlässen eingeladen.  Auch heute wird mit Falken gejagt, allerdings beschränkt sich in der Schweiz die Beute auf die Krähen, da das früher gejagte Wild in der Schweiz kaum mehr existiert oder geschützt ist. Das erfolgreiche Jagen mit einem Falken verlangt neben diversen Bewilligungen (siehe unten) gute Kenntnisse über den Vogel, vor allem über sein Wesen. So trägt die Zusammenarbeit mit ihm nur Früchte, wenn er darin einen Nutzen für sich selbst sieht. Im Falle des Falkens läuft der Nutzen nur über das Futter. Hat er genug, ist nichts mehr von ihm zu wollen, denn er sieht nicht ein, warum er jagen soll, das kostet ihn nur Energie, lieber sitzt der Falke locker und cool irgendwo in der Höhe und beobachtet die Gegend.... Für den Falkner bedeutet dies, dass er ziemlich genau wissen muss, wenn sein Schützling gesättigt ist oder sich der Hunger wieder meldet. Dazu erzählt uns Eric Widmer ein Müsterchen aus seiner Arbeit mit Jack: Eines Tages, Jack hat es sich gerade mit einer geschlagenen Krähe auf einem Felsvorsprung gemütlich gemacht, versuchte Eric Widmer seinen Falken zu sich zurück zu locken, was ihm gänzlich misslang. Da gab es nur eines: ins Auto steigen und nach Haus fahren (ohne den Greif, allerdings). Der sah nämlich nicht ein, warum er sich vom Fleck bewegen sollte, nur um im Auto wieder in seine Schlafnische in der Voliere geführt zu werden. Für den Falkner hiess diese Situation ganz konkret, dass er in zwei Tagen im Morgengrauen an der genau selben Stelle wieder aufzutauchen hat und zwar bevor sich der Vogel entschloss, selbst etwas zu schlagen. Tatsächlich, so erzählt der Falkner, stand er dann auch zwei Tagen später am frühen Morgen wieder an der selben Stelle. Ein paar Mal mit dem Glöckchen klingeln, und schon schwang sich ein Schatten durch die Lüfte und landete auf seinem Arm. Der Falke hatte sich dazu folgende „Überlegungen“ gemacht: Ich habe wieder ein kleines Hüngerchen und dieser Typ da unten der bringt meistens ein paar Häppchen mit – wieso selber mühsam auf Beutefang gehen, wenn es einem auf dem Silbertablett serviert wird? Und so kommt der Falke wieder zum Falkner.
 
Die verschiedenen Greifvogelarten
Unser einheimischer Wanderfalke ist der schnellste unter den Jägern. Er jagt nur im Sturzflug, schlägt also nur fliegende Beute. Unser heutiger Gast jagt sowohl im Sturzflug, wie auch während dem horizontalen Fliegen.
Auch der Baumfalke ist ein gewandter Flieger und schnell. Er jagt vorzugsweise Schwalben und Segler. Er gehört zu den Zugvögeln. Er zieht seiner Beute nach, geht also im Herbst und kommt im Frühling wieder in sein Brutgebiet. Der Baumfalke ist als Jagdgefährte ein idealer Kollege, da er sehr zutraulich ist. Hat man ihm einmal einen Happen zugesteckt, lässt er sich bald anfassen und gut füttern. 
Falken sind sogenannte Bisstöter, sie erlegen ihre Beute indem sie ihr die Wirbelsäule durchtrennen (An ihrem Oberschnabel befindet sich eine Auskerbung, ähnlich einem Eckzahn. Dementsprechend heißt dieser auch Falkenzahn), während alle anderen Greifvögel Grifftöter sind – diese erdolchen quasi ihre Beute mit ihren Klauen. So sind ihre Füsse auch kräftiger als die der Falken.
Wir erfahren auch einiges über die anderen Greifvögel. Der Habicht beispielsweise jagt nur über sehr kurze Distanzen (ca. 100m) – er ist sehr aggressiv, fliegt voll drauf los, was ihn Kopf und Kragen kosten könnte (mögliche Kollision mit Autos im Siedlungsraum, wenn er seiner Beute zu tief nachjagt). Sie gehen aber auch auf Bussarde los. Typisch für den Habicht sind seine gelb/orangen Augen, die mit dem Alter immer oranger werden. Der Falke hat nur schwarze Augen. In Niederösterreich allerdings wird die Hasenjagd gepflegt, da es dort noch genug davon hat. Sie ist für den Vogel anstrengend, da er nicht nur mit dem satten Gewicht der Beute, sondern auch mit dessen bekrallten Hinterläufen zu kämpfen hat. Im Extremfall kann ein Zweikampf mit dem Hasen tödlich enden, wenn dieser den Vogel noch lange durch die Gegend zu schleppen vermag.
Die Beute des Steinadlers hingegen bewegt sich am Boden, es sind dies Füchse oder Feldhasen. Ein Greifvogel kann immer nur soviel Gewicht an Beute tragen, wie er selber schwer ist. Das mit den Kindsentführungen sind also Ammenmärchen! So ist ein Steinadler ca. 3kg, das Weibchen 5-6kg schwer. Der Steinadler kommt in den Voralpen oder gar im oberen Zürichseegebiet und im Toggenburg vor. Mit den Steinadlerweibchen werden heute sogar Rehe gejagt, das heisst, der Adler schlägt sie, denn forttragen kann er sie, wie wir eben gesehen haben, nicht. In der freien Natur würde ein Adler sich nie an einem Reh vergreifen, der Mensch aber kann ihn darauf abrichten, genau wie er dies für die Jagd auf Krähen macht. Die Krähe gehört nicht in das Beuteschema eines Greifs, sie ist zu wehrhaft. Wenn man den Greif jedoch von jung her auf diese Beute konditioniert, schlägt er auch diesen Vogel.
Interessanterweise besteht die Haupttätigkeit des Greifs generell aus dem „dolce far’ niente“: Er beobachtet nur, tut nichts, strengt sich ja nicht an, wartet darauf, das ihm das „Weggli“ ins Maul fliegt. Aktiv fliegen pro Tag tut er nur ca. 15min.
 
Zucht
Die Jagdzeit früher, aber auch heute ist im Winter. Früher und heute in gewissen Ländern, fing man die Vögel im Herbst ein, richtete sie ab und liess sie im Frühling wieder frei zur Vermehrung und Selbstverpflegung. So musste der Falkner nicht das ganze Jahr über um ihre Fütterung besorgt sein. Zucht kam da gar nicht in Frage. Erst als durch Pestizide, Vergiftungen und andere Unbill die Bestände zurückgingen, begann man sich mit der Zucht zu beschäftigen. Dies gelang erfolgreich erst in den 70er Jahren des 20. Jhd.
Die heutige Jagd auf Krähen überlässt der Falkner grundsätzlich dem Greif selbst (er hat die viel schlauere Strategie als der Mensch . Ersterer greift nur ein, wenn die Krähe Oberhand zu gewinnen droht und dem Greif ernsthaft schaden könnte. Ganz schlaue Falkner jagen mit ihren Greifvögel vom Auto aus (!), um ganz nahe und quasi inkognito an die Krähen zu gelangen. Ist zwar eine hinterhältige Methode, aber auch am effizientesten. Die Krähe selbst geht in der Natur ebenfalls auf die Greifvögel los, aber nur auf Milane und Bussarde, da diese Segler sind und nicht in der Luft jagen, so können sich sie gegen die Krähenattacken kaum wehren. Bei den Falken oder Habichten lassen sie ihre Attacken schön bleiben, ausser der Falke oder Habicht ist gesättigt, dann wagen sie sich schon mal an sie ran. Diese „Sättigungsmomente“ erkennen die Krähen und konzentrieren mögliche Angriffe auf diese Zeit.
Auf dem Zürichsee werden mit dem Habicht manchmal(Stock)enten oder gar Möwen gejagt, wobei auch dies nicht ganz ungefährlich für den Prädator ist, da er möglicherweise beim Jagen im Wasser landet und mit seinen Flügeln schlagen muss um nicht ganz nass zu werden. In diesem Moment kann er sich nicht mehr verteidigen und plötzlich selber zum Gejagten werden, nämlich vom Blesshuhn („Taucherli)!
 
 
Die Greifvögel mausern jedes Jahr und zwar Feder für Feder. Darum sieht man während der Mauser (Ende März bis Ende September) manchmal Lücken im Gefieder (gut bei den Rotmilanen über den Seener Dächern beobachtbar), sie sehen dann irgendwie ungepflegt aus. Die grossen Federn können bis zu 1cm pro Tag wachsen. Die Mauser dauert so lange, weil die Feder erst ausfällt, wenn die benachbarte halb gewachsen ist, so dass es keine Beeinträchtigungen in den Flugmanövern gibt. Für den Falkner bedeutet die Mauser eine intensive Fütterungsphase, denn der Vogel braucht viel Energie um neue Federn wachsen zu lassen.
 
Die Falknerei
Das Falknern ist eine faszinierende Beschäftigung, braucht aber, um diese legal auszuüben, ziemlich viel Zeit, Nerven und Geld. Im Schnitt muss man 4 bis 5 Jahre rechnen, bis man alle nötigen Papiere hat: Halterbewilligung, Jagdprüfung und schlussendlich die Falknerprüfung müssen abgelegt werden. Diesen gehen Theorie- und praktische Lektionen voraus. Dazu kommt, dass wenn man sich an einen Kurs anmelden will, dieser nicht durchgeführt wird, weil die Mindestteilnehmerzahl nicht erreicht ist.
Unser Falkner füttert seinen Greifen Eintagsküken (männliche, da diese nicht für die Fleischproduktion geeignet sind. Oder man lässt ihm aus Legebetrieben Hühner zukommen oder aus sonstigen Hühnerfarmen. Ein Muss ist, dass die Hühner tot gefüttert werden (ausser bei seinen Pfleglingen). Bei Lebendfütterung käme der Greifvogel sonst auf die Idee, dass er sich Hühner in der Nachbarschaft holen könnte, denn er würde sich denken, die kriege ich ja auch gefüttert...
 
Nur ungern lassen wir den Falkner mit Jack ziehen, lange noch hätten wir seinen Ausführungen gelauscht, den schönen Kerl mit den schwarzen Augen auf seinem Arm bewundert.
 

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