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Die Schlossdohlen von Hallwyl 

Einmal mehr ist uns an einem „Vereinstag“ das Wetter hold: bei sehr milden Temperaturen und Sonnenschein treffen wir uns beim Schloss Hallwyl mit dem heutigen Exkursionsleiter Christoph Vogel.
Er ist zwar aus Zofingen, aber doch eng verbunden mit dem Schloss: Als Primarschüler hat er auf einer Schulreise erstmals Bekanntschaft mit dem Hallwyl gemacht, viel später ist er selber als Lehrer mit seinen Schülern hierher gereist, zwischendurch als Dohlen-Freak und –Experte zig Male. Dabei erzählt uns Christoph ein paar Anekdoten aus seiner Arbeit und Forschung mit den Dohlen und zeigt uns gleich das erste Bild mit einer Dohle, ein sonderbares allerdings – die Dohle ist schwarz! Das ist auch keine (Turm)Dohle sondern die Alpendohle, sie ist kein naher Verwandter unserer Dohle! Gleich folgt das richtige Bild mit der graumelierten Dohle, wie wir sie vom Schloss kennen. Wir haben also bereits etwas gelernt. 
 
Wir gehen zuerst ein paar Schritte um eine gute Sicht auf die äussere Ringmauer des Schlosses zu haben. Warum schlüpfen die Dohlen in die Mauerspalten? Erstens sind die Mauern des altehrwürdigen Schlosses eine Felslandschaft in der die Dohle eine Höhle für ihre Brutzeit sucht. Die Dohle ist also ein Höhlenbrüter (1/3 der Dohlen sind Felsenbrüter). Zweitens sind die zur Konstruktion benötigten Holzbalken über die Jahre angefault, es sind so von Aussen her Nischen/Höhlen entstanden, welche die Vögel nun für ihre Aufzucht der Jungen nutzen. Selbst während der umfassenden Sanierung des Schlosses wurden dank kompetenten und umsichtigen Fachleuten aus der Ornithologie und Bauwesen (Berner und Zuckschwerdt) die Brutplätze erhalten und in Etappen saniert, so dass ein mehr oder weniger gestörtes Brutgeschäft möglich war.
 
Wir gehen nochmals einige Schritte weiter und lauschen auf der von der Strasse abgekehrten Seite des Schlosses den Worten Christoph Vogels, amüsieren uns, staunen und bewundern das Wesen der Dohle. Aber auch wir bleiben nicht ungesehen, die Vögel bemerken unsere Anwesenheit sehr wohl, sie merken, dass wir keine Jogger am Vorbeiflitzen sind, sondern dass wir stehenbleiben und sie beobachten. Trotzdem lassen sie sich nicht durch uns gross stören...
Während diesen Momenten erfahren wir einiges über die Dohle und ihre Lebensart, auch ganz spezifisch auf diese Schloss-Dohlen-Kolonie:
 
Die Anfänge dieser Kolonie gehen in die späten 1940er Jahre zurück, wo mit (je nach Quellenangaben) 4 oder mehr Paaren der Grundstein, äähhm, „Grundnester“ gelegt worden war. 2006 konnten 92 Paare gezählt werden – dieser Bestand jedoch fiel nach dem verachtungswürdigen Giftanschlag auf die Krähen, von deren Köder auch die äusserst sozialen Dohlen assen, auf 30 Paare zurück. R. Berner, der die Kolonie auch seit Jahren beobachtet und dokumentiert, stellte nach den vielen Todesfällen eine ganz andere Stimmung in der Kolonie fest, so als hätten die Überlebenden gemerkt, dass mit ihren Gspänli etwas passiert war. Entsprechend ist ihr Verhalten auch heute noch mit „vorsichtiger“ als vor dem hässlichen Zwischenfall, zu bezeichnen.
In den letzten zehn Jahren hat sich der Bestand wieder erholt, wir sprechen heute von über 80 Paaren.
Krähenvögel (zu welchen die Dohle gezählt wird) sind pro Jahr nur einmal fortpflanzungsfähig. Nach erfolgter Kopulation verkümmern ihre Geschlechtsteile wieder bis zum nächsten Frühjahr. Die Vögel bleiben nach dem Brutgeschäft nach wie vor in der Kolonie zusammen, die Paare auch, sie sind monogam. 
Bei unserem Besuch stellen wir eine ganz rege Nestbau-Tätigkeit fest: Ästchen für den „Unterbau“, Moos für ein weiches  und Tierhaare für ein gemütliches und warmes Nest werden in die zig Höhlen in den Schlossmauern und auch in natürlichen wie Höhlenbäumen ums Schloss getragen und verbaut.  Nach einigen Jahren wird die Wohnung wahrscheinlich einmal komplett von Nistmaterial geleert und von Grund auf neu bestückt. Nicht alle Paare beginnen gleichzeitig mit dem Nestbau – in der Kolonie herrscht eine strenge Hierarchie, es ist wie im Mittelalter in einem Hofstaat: die Alphatiere zuerst, sie wählen natürlich die sichersten (hoch oben im Gemäuer) und auch klimatisch besten Nistplätze (Südseite). Je tiefer ein Paar in der Hierarchie steht, desto tiefer im Gemäuer, also auch näher am Wasser, liegt ihre Nische. Wie beim menschlichen Hofstaat, kann auch ein Weibchen aus dem untersten Stand durch „Heirat“ in der Rangordnung aufsteigen, dann nämlich, wenn das Alphamännchen eine neue Partnerin sucht, weil die ehemalige gestorben ist. Sie wird sofort als First Lady respektiert.
Ein Alphamännchen, so vermutet man, sticht durch seine Augenpartie hervor (Helligkeit der Iris?)
Nun zum Brutgeschäft: Das Weibchen legt mit Abständen bis zu 4 Tagen pro Tag ein Ei, im Schnitt 3 – 6. Wenn die Eier nicht bebrütet werden, sind sie sozusagen auf „standby“, sie erkalten zwar, aber sterben nicht ab. Nach 17 – 18 Tagen schlüpfen die Jungen innerhalb einer Stunde. Nach 30 Tagen sind sie flügge und werden dann noch bis zu einem Monat ausserhalb des Nestes weitergefüttert. Mehr als etwa 2 Jungen überleben nicht, einige davon stürzen beim ersten Flugversuch in den Wassergraben ums Schloss und ertrinken darin. Die Brutzeit dauert von Mitte April bis in den Mai hinein. Der Jungvogel benötigt „Gescheites“, also sagen wir, Gesundes als Nahrung wie Insekten, oder andere Proteinquellen. Diese finden die Eltern in Schaf – oder Kuhdung. Die Altvögel kommen durchaus auch mit menschlichen Abfällen zurecht. Die Aufzucht der Jungen ist nicht ganz so gar stressig wie bei anderen „Solitär-Paaren“ – die Elternvögel werden oft von „ledigen“ Verwandten unterstützt. 
Zur Schlafenszeit verzieht sich die Kolonie in Baumkronen zurück, während der Brutzeit bleibt sie in der Nähe der Nistplätze, ausserhalb der „Saison“ durchaus weiter entfernt (irgendwo in Schafisheim????).
 
Zum Abschluss geniessen wir Kaffee und Kuchen im Schloss-Kafi im Innenhof. 
 
Zur Ergänzung finden Sie hier den Artikel von Peter Winkelmann (Lenburger Bezirksanzeiger).
 

  

 

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