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Steine und Gletscher in Seon

  Der heutigen Exkursion geht ein Interview mit unserem Exkursionsleiter Peter Zgraggen (Mineraloge) voraus. Dieses wurde in den Lenzburger Nachrichten abgedruckt, worauf er einige Anfragen bezüglich dieser anstehenden Exkursion von Bekannten/Nachbarn erhalten hat. Wir sind alle gespannt in Erwartung eventueller neuer unbekannter Gesichter ☺!
Tatsächlich kann die Präsidentin einige neue Interessierte, nebst unseren anwesenden Vereinsmitgliedern, begrüssen!
Nun zu unserem Spaziergang durchs Dorf:

Bevor wir losziehen, berichtet Peter Zgraggen, wie es zu dieser Exkursion gekommen ist – verschiedenste Themen bieten sich im Dorf an, neben Fauna und Flora auch geo-glaziale Aspekte, sind die Gletscher der letzten Eiszeit doch bis nach Seon geflossen. Allerdings würde eine diesbezügliche Exkursion mehrere Stunden in Anspruch nehmen, was wohl etwas zu ausgedehnt für unsere Verhältnisse wäre...
So wird er sich darauf beschränken, uns die Natur im Dorf mit kleinen Exkursen in die Glazio- und Geologie näher zu bringen.
Während seinen ersten Ausführungen halten sich die Vögel auch nicht still und so fragt Peter Zgraggen, ob der eine oder andere Vogel am Ruf oder Gesang erkannt worden ist.
Einer davon ist der Girlitz, gut „erkennbar“ an seinem glasritz-artigen Gesang. Wir erfahren, dass sich im Zuge der Klimaänderung das Verbreitungsgebiet, hier im Speziellen des Girlitzes, verändert hat. Dieser ist vom Zug- quasi zum Standvogel geworden, da unser Klima heute demjenigen des Mittelmeers ähnlich geworden ist. Dorthin ist er nämlich vorher gezogen. Wir lernen einige Details über die Schnäbel der verschiedenen Vogelarten. Diese geben Auskunft über die Nahrungsart des jeweiligen Vogels. Da der Girlitz eine Finkenart ist, weist sein Schnabel eine entsprechende Form auf, welche ihm ermöglicht Sämereien (Samen der verschiedenen Pflanzen) gut erreichen und Essen zu können. Mittels Bilder können wir ihn und weitere Finkenarten wie Grün-, Buchfink und Erlenzeisig näher betrachten.
Heutzutage fällt oft der Name Biodiversität; Peter Zgraggen erläutert, dass wir diese Diversität (Vielfalt) in den Arten, dem Lebensraum- und den Genen finden. All dies zusammen ist die Voraussetzung für eine „ausgewogene“ Natur.

Nach dieser ausführlichen Einführung spazieren wir zum ersten Halt bei der Chäsi. Dort sind die dorfbekannten Mehlschwalbennester angebracht. Dies als Beispiel, wie wir ihnen und anderen Vögeln mit Nisthilfen Brutplätze zur Verfügung stellen können, wo es an natürlichen Materialien oder Brutmöglichkeiten fehlt. Die ersten Mehlschwalben erreichen unsere Breitengrade Mitte April, Mitte Mai beginnen sie mit dem Brutgeschäft.

Der nächste Halt ist der Steinkunde gewidmet. Wir halten vor einem Findling beim neuen Zirkusplatz neben der Schule. Peter Zgraggen erklärt, dass Gletscher Findlinge und Geschiebe der Alpen zu uns gebracht haben. Wir erfahren, dass die Eiszeiten zwar benannt werden, diese im deutschen Sprachraum gelten, wissenschaftlich aber nicht ganz korrekt für die Schweiz sind. Für den Laien aber, sollten sie genügen. Wir sprechen heute hauptsächlich von der Würmeiszeit, die zwischen ca. 53'000 und 8'000 Jahren v.Chr. anzusiedeln ist. Hier in Seon war der Reussgletscher massgebend für die Landschaftsgestaltung, wie wir sie heute vorfinden. Um aber eindeutig festzustellen, ob ein Block oder grosser Stein tatsächlich von diesem oder jenem Gletscher von den Alpen ins Mittelland gebracht worden war, müssen wir als Vergleich sog. Leitgestein zur Analyse haben. Dieses finden wir im Herkunftsgebiet des vermuteten Gletschers. Der Vergleich der beiden Gesteine gibt dann die Sicherheit. Bei unserem Exemplar kann unser Experte Peter Zgraggen bestätigen, dass es vom Reussgletscher stammt.
Um nun herauszufinden von welcher Gesteinsart wir hier sprechen (Kalk- oder Silikatgestein) machen wir die Probe aufs Exempel und beträufeln den Findling mit etwas HCL (Salzsäure). Nun lernen wir auch gleich noch etwas Chemie.  Wir sehen, dass es zischt und dampft. Was geschieht?: Aus der chemischen Reaktion zwischen dem Gestein und der Salzäurelösung entsteht das Salz des Erdalkalimetalls Calcium (Calziumchlorid), Wasser und Kohlendioxid. Letztere beiden sind sehr gut sichtbar (CO2 als „Dampf“). Für Interessierte das Ganze in der chemischen Formel:

CaCO3 + 2HCl → CaCl2 + H2O + CO2
Calciumcarbonat
(oder Calcit) mit Salzsäure (Chlorwasserstoffsäure) ergibt Calciumdichlorid, Wasser und Kohlendioxid

Würden wir den gleichen Test mit einem Silikatgestein (Bsp. Granit) machen, gäbe es keine Reaktion.

 Beim nächsten Halt auf einem Vorplatz in der Luegetshalde liegen grosse Steinquader. Sie sehen aus wie Granitsteine. Hier bringt Peter Zgraggen nun noch den Begriff „Gneis“ ins Spiel. Was ist der Unterschied? Er zeigt uns zwei Gesteinsstücke und benetzt sie, damit man deren Oberfläche besser betrachten kann. Auf den ersten Blick sehen beide gleich aus, mit Erläuterungen des Fachmanns jedoch sind eindeutig unterschiedliche Strukturen im Gestein auszumachen. Nun, grundsätzlich gilt für beide der uns allen bekannte Schulspruch: Feldspat, Quarz und Glimmer, die vergess’ ich nimmer!

 

Granit
Erdinnern durch Schmelzen und späterem 
Erstarren entstanden. 
Beim Verwittern der Aufliegenden
Schichten, trat der Granit nach und nach 
an die Erdoberfläche.
44 % aller kontinentalen Tiefengesteine 
sind Granite.
Die Struktur ist körnig, Aufbau ohne Schichtung.

Gneis
entstand durch Aufschmelzen und Rekristallisation von bestehendem Gestein wie Granit, Sedimenten oder Mergel. Mit hohem Druck, aber auch Hitze werden die „alten“ Gesteine geschmolzen und neu gebildet. Im Unterschied zum Granit entstehen durch den Druck lagige Mineralienbänder.
Die Struktur ist schieferartig
.

 

Weiter geht’s mit Gletscherkunde im Fornholz. Da stehen wir nämlich auf einer Endmoräne, wie wir gleich erfahren werden:
In Seon zählen wir 4 Endmoränenwälle aus der Würmeiszeit (wir bleiben bei den bekannten Namen). Diese kann man in 3 Phasen unterteilen (Bewegung des Gletschers durch Abschmelzen und wieder Vordringen). In Seon finden wir Wälle der Phase B mit maximaler Ausdehnung im Seetal. Phase C beispielsweise ist nur bis Hitzkirch gekommen. Der Fornholz-Wall, auf dem wir nun stehen, trägt die Nummer 3. Dann zählen wir weiter Wall N° 1, der nördlichste. Er zieht sich in 2 Halbbögen vom Emmet (Kiesgrube) bis zur Birren (Schnäggerain). Wall N° 2 manifestiert sich vor allem im grossen und kleinen Breitenrain, geht aber über den Aabach hinaus. N° 3 ist der mächtigste Bogen, zieht sich von Retterswil zum Fornholz und weiter bis zum Aabach. Der 4. Wall ist an den dritten angelehnt, beim Fornholz lediglich durchs Kirchtal getrennt (Schönbühl). Das alles kann noch bis ins Detail auf folgendem Weblink nachgelesen werden:

http://www.geogr-helv.net/13/217/1958/gh-13-217-1958.pdf

Auf dem Weg zur Kiesgrube betrachten wir auf der Ebene hinter dem Fornholz die Landschaft, welche der Gletscher modelliert hatte. Immer wieder heben wir unsere Köpfe auch nach oben um Vögel und/oder deren Stimmen zu bestimmen. Am Endpunkt, unserem Grillplatz angekommen, fassen wir kurz die gezählten und notierten Vogelarten zusammen – notiert haben wir 18, aber sicherlich sind uns einige entgangen, weil wir unsere Aufmerksamkeit ja auch den Steinen gewidmet haben- und freuen uns über das von Hampi Loosli entfachte und schön brennenden Grillfeuer und den „gedeckten“ Tisch.

p.s. ein aus dem Gedächtnis festgehaltener Auszug aus den notierten Vogelarten:
Girlitz, Kohlmeise, Türkentaube, Schwarzmilan, Rotmilan, Elster, Mönchsgrasmücke, Grünfink  etc.

 

 

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